Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen
Utz Mörbe, Zweitkandidat im Wahlkreis Leonberg/Herrenberg und SprecherInnenrat Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstbestimmte Behindertenpolitik

Utz Mörbe: Inklusion und DIE LINKE

Interview mit Utz Mörbe, Zweitkandidat im Wahlkreis Leonberg/Herrenberg und SprecherInnenrat Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstbestimmte Behindertenpolitik

„Inklusion“ ist jetzt in aller Munde. Was ist der Unterschied zu „Integration“?

Utz Mörbe: Bei Inklusion geht es um eine neue Sichtweise der Beziehung zwischen Menschen mit Behinderungen und der Gesellschaft. Inklusion greift da ein, wo Menschen wegen persönlicher Einschränkungen behindert werden, weil Barrieren nicht beseitigt werden, wo Einschränkungen Behinderter nicht ausgeglichen werden.

Utz, Du bist Vorsitzender des Werkstattrats, also einer Werkstatt für behinderte Menschen in Leonberg. Im Wahlprogramm der Linken wird gefordert, diese Werkstätten weitgehend überflüssig zu machen. Einverstanden?

Utz Mörbe: Werkstätten für Behinderte werden genau dann überflüssig, wenn Behinderte nicht mehr ausgegrenzt werden, sondern eingebunden werden in den Arbeitsprozess. Die UN-Konvention für Menschen mit Behinderung fordert, durch die Beseitigung von Barrieren Arbeit in den Betrieben für Alle zu schaffen. Das klappt immer weniger auf freiwilliger Basis, weil nur noch auf ständige Leistungssteigerung gesetzt wird. Wir brauchen dafür entsprechende Gesetze. Fachbetreuung, wie jetzt in den Werkstätten, muss in den Großbetrieben und im öffentlichen Dienst angeboten werden. Also Werkstätten für Alle. Nur wenn diese Werkstätten weitgehend überflüssig gemacht wurden, kann von einer gelungenen Inklusion gesprochen werden. Bis dahin brauchen wir den Mindestlohn auch für Beschäftigte in den Werkstätten. Und wir fordern auch, dass Werkstätten in Baden-Württemberg keine Aufträge der Waffenindustrie annehmen.

Die Linke fordert für Menschen mit Behinderung die selbstbestimmte Teilhabe am öffentlichen Leben. Kannst uns ein Beispiel geben?

Utz: Menschen mit Behinderungen sollen die Möglichkeit bekommen, unter verschiedenen Wohnformen wählen zu können und nicht nur Wohnheime. Voraussetzung dafür ist die Schaffung von genügend Wohnraum im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Dabei muss von Anfang an auf Barrierefreiheit geachtet werden. Und das hilft auch älteren Bewohnern, die zum Beispiel auf einen Rollator angewiesen sind. Das ist ein typisches Beispiel dafür, dass Inklusion in einer immer älter werdenden Gesellschaft Allen hilft. Oder ein anderes Beispiel: Wir fordern gemeinsames Lernen in einer Gesamtschule. Als „Zweitsprache“ sollte überall die Gebärdensprache gelehrt werden. Die Klassen müssen kleiner werden und wo nötig Assistenz angeboten werden. Auch das hilft Allen.

Was versteht ihr im Bundessprecherrat unter selbstbestimmter Behindertenpolitik?

Utz Mörbe: Für uns gilt: „Nicht ohne uns über uns“ . Lösungen für die Inklusion muss mit den Betroffenen geklärt werden. Sie sind Experten in eigener Sache. Auch dafür muss ein Umdenken in der Gesellschaft, aber auch in den Parteien stattfinden. Zu sehr sind gerade Politiker gewohnt, für andere und über deren Köpfe hinweg zu agieren. Deshalb ist Behindertenpolitik die Angelegenheit auch derer, für die Hindernisse beseitigt werden müssen. Es ist nicht weniger als ein Umdenkprozess, einfach für die Menschen zu handeln und nicht nur für Gewinne. Das muss drin sein. Das Interview führte Matthias von Herrmann.